Johann Wolfgang von Goethe – Stuttgart, den 30 August 1797

Aus einer Reise in die Schweiz über Frankfurt, Heidelberg, Stuttgart und Tübingen im Jahre 1797 – Kapitel 3 vonJohann Wolfgang von Goethe
„Stuttgart, den 30 August 1797.

Ich machte meine erste gewöhnliche Tour um 6 Uhr früh allein, und rekognoszierte die Stadt mit ihren Umgebungen. Eine Seite hat eine Befestigung nach der Heilbrunner Art, nur nicht so stattlich; die Gräben sind auch in Weinberge und Gartenpflanzungen verwandelt. Bald nachher findet man die schönsten Alleen von mehrern Baumreihen und ganz beschattete Plätze. Zwischen diesen und einer Art von Vorstadt liegt eine schöne Wiese. Durch die Vorstadt kommt man bald auf den Platz vor das Schloß oder vielmehr vor die Schlösser. Der Platz ist seit der Anwesenheit des Großfürsten schön planiert, und die teils auf Rasen, in großen regelmäßigen Partien, teils als Alleen gepflanzten Kastanienbäume sind sehr gut gediehen. Das Schloß selbst ist von dem Geschmack der Hälfte dieses Jahrhunderts, das Ganze aber anständig frei und breit. Das alte Schloß wäre jetzt kaum zu einer Theaterdekoration gut. Die alte Stadt gleicht Frankfurt in ihren alten Teilen; sie liegt in der Tiefe nach dem kleinen Wasser zu. Die neue Stadt ist in entschiedenen Richtungen meist geradlinig und rechtwinkelig gebaut, ohne Ängstlichkeit in der Ausführung. Man sieht Häuser mit mehr oder weniger Überhängen, ganz perpendikulär, von verschiedener Art und Größe; und so bemerkt man, daß die Anlage nach einem allgemeinen Gesetz und doch nach einer gewissen bürgerlichen Willkür gemacht wird.

Nachdem ich mich umgekleidet, besuchte ich nach 10 Uhr Herrn Handelsmann Rapp, und fand an ihm einen wohlunterrichteten verständigen Kunstfreund. Er zeigte mir eine schöne Landschaft von Bott, er selbst zeichnet als Liebhaber landschaftliche Gegenstände recht glücklich.

Wir besuchten Professor Dannecker in seinem Studium im Schlosse, und fanden bei ihm einen Hektor der den Paris schilt, ein etwas über Lebensgröße in Gyps ausgeführtes Modell, so wie auch eine ruhende nackte weibliche Figur im Charakter der sehnsuchtsvollen Sappho, in Gyps fertig, und in Marmor angefangen; desgleichen eine kleine trauernd sitzende Figur zu einem Zimmer-Monument. Ich sah ferner bei ihm das Gypsmodell eines Kopfes, vom gegenwärtigen Herzog, der besonders in Marmor sehr gut gelungen sein soll, so wie auch seine eigne Büste, die ohne Übertreibung geistreich und lebhaft ist. Was mich aber besonders frappierte, war der Original-Ausguß von Schillers Büste, der eine solche Wahrheit und Ausführlichkeit hat, daß er wirklich Erstaunen erregt. Ich sah noch kleine Modelle bei ihm, recht artig gedacht und angegeben, nur leidet er daran, woran wir Modernen alle leiden, an der Wahl des Gegenstandes. Diese Materie, die wir bisher so oft und zuletzt wieder bei Gelegenheit der Abhandlung über den Laokoon besprochen haben, erscheint mir immer in ihrer höhern Wichtigkeit. Wann werden wir armen Künstler dieser letzten Zeiten uns zu diesem Hauptbegriff erheben können!

Auch sah ich eine Vase bei ihm, aus graugestreiftem Alabaster, von Isopi, von dem uns Wolzogen so viel erzählte. Es geht aber über alle Beschreibung und niemand kann sich ohne Anschauung einen Begriff von dieser Vollkommenheit der Arbeit machen. Der Stein, was seine Farbe betrifft, ist nicht günstig, aber seiner Materie nach desto mehr. Da er sich leichter behandeln läßt als der Marmor, so werden hier Dinge möglich, wozu sich der Marmor nicht darbieten würde. Wenn Cellini, wie sich glauben läßt, seine Blätter und Zierraten in Gold und Silber eben so gedacht und vollendet hat, so kann man ihm nicht übel nehmen, wenn er selbst mit Entzücken von seiner Arbeit spricht.

Man fängt an, den Teil des Schlosses, der unter Herzog Karl eben als er geendigt war, abbrannte, wieder auszubauen, und man ist eben mit den Gesimsen und Decken beschäftigt. Isopi modelliert die Teile, die alsdann von andern Stukkaturen ausgegossen und eingesetzt werden. Seine Verzierungen sind sehr geistreich und geschmackvoll; er hat eine besondere Liebhaberei zu Vögeln, die er sehr gut modelliert und mit andern Zierraten angenehm zusammenstellt. Die Komposition des Ganzen hat etwas Originelles und Leichtes.

In Herrn Professor Scheffhauers Werkstatt fand ich eine schlafende Venus mit einem Amor, der sie aufdeckt, von weißem Marmor, wohlgearbeitet und gelegt; nur wollte der Arm, den sie rückwärts unter den Kopf gebracht hatte, gerade an der Stelle der Hauptansicht keine gute Wirkung tun. Einige Basreliefs antiken Inhalts, ferner die Modelle zu dem Monument, welches die Gemahlin des jetzigen Herzogs auf die, durch Gebete des Volks und der Familie, wieder erlangte Genesung des Fürsten aufrichten läßt. Der Obelisk steht schon auf dem Schloßplatze, mit den Gypsmodellen geziert.

In Abwesenheit des Professor Hetsch ließ uns seine Gattin seinen Arbeitssaal sehen; sein Familienbild in ganzen lebensgroßen Figuren hat viel Verdienst, besonders ist seine eigene höchst wahr und natürlich. Es ist in Rom gemalt. Seine Portraite sind sehr gut und lebhaft, und sollen sehr ähnlich sein. Er hat ein historisches Bild vor, aus der Messiade, da Maria sich mit Porcia, der Frau des Pilatus, von der Glückseligkeit des ewigen Lebens unterhält und sie davon überzeugt. Was läßt sich über die Wahl eines solchen Gegenstandes sagen? und was kann ein schönes Gesicht ausdrücken das die Entzückung des Himmels vorausfühlen soll? Überdies hat er zu dem Kopf der Porcia zwei Studien nach der Natur gemacht, das eine nach einer Römerin, einer geist- und gefühlvollen herrlichen Brünette, und das andere nach einer blonden guten weichen Deutschen. Der Ausdruck von beiden Gesichtern ist, wie sich’s versteht, nichts weniger als überirdisch, und wenn so ein Bild auch gemacht werden könnte, so dürften keine individuellen Züge darin erscheinen. Indessen möchte man den Kopf der Römerin immer vor Augen haben. Es hat mich so ein erzdeutscher Einfall ganz verdrießlich gemacht. Daß doch der gute bildende Künstler mit dem Poeten wetteifern will, da er doch eigentlich durch das was er allein machen kann und zu machen hätte den Dichter zur Verzweiflung bringen könnte!

Professor Müllern fand ich an dem Graffischen Portrait, das Graff selbst gemalt hat. Der Kopf ist ganz vortrefflich, das künstlerische Auge hat den höchsten Glanz; nur will mir die Stellung, da er über einen Stuhlrücken sich herüber lehnt, nicht gefallen, um so weniger da dieser Rücken durchbrochen ist und das Bild also unten durchlöchert erscheint. Das Kupfer ist übrigens auf dem Wege gleichfalls sehr vollkommen zu werden. Sodann ist er an Auch einem Tod eines Generalsbeschäftigt, und zwar eines amerikanischen, eines jungen Mannes der bei Bunkershill blieb. Das Gemälde ist von einem Amerikaner Trombul und hat Vorzüge des Künstlers und Fehler des Liebhabers. Die Vorzüge sind: sehr charakteristische und vortrefflich tockierte Portraitgesichter; die Fehler: Disproportionen der Körper unter einander und ihrer Teile. Komponiert ist es, verhältnismäßig zum Gegenstande, recht gut, und für ein Bild auf dem so viele rote Uniformen erscheinen müssen, ganz verständig gefärbt; doch macht es im ersten Anblick immer eine grelle Wirkung, bis man sich mit ihm wegen seiner Verdienste versöhnt. Das Kupfer tut im Ganzen sehr gut und ist in seinen Teilen vortrefflich gestochen. Ich sah auch das bewundernswürdige Kupfer des letzten Königs von Frankreich, in einem vorzüglichen Abdruck aufgestellt.

Gegen Abend besuchten wir Herrn Konsistorialrat Ruoff, welcher eine treffliche Sammlung von Zeichnungen und Kupfern besitzt, wovon ein Teil zur Freude und Bequemlichkeit der Liebhaber unter Glas aufgehängt ist. Sodann gingen wir in Rapps Garten, und ich hatte abermals das Vergnügen, mich an den verständigen und wohlgefühlten Urteilen dieses Mannes über manche Gegenstände der Kunst, so wie über Danneckers Lebhaftigkeit zu erfreuen.“

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