Nachgelesen: Kein Platz für das Kulturradio? Hessen kürzt die Frequenzen beim „Zweiten Programm“ hr2 Kultur im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ARD, Februar 2013

Quelle: radioeins.de / Stand: 12.2.2013 / Nachgelesen: Kein Platz für das Kulturradio? Hessen kürzt die Frequenzen beim „Zweiten Programm“  hr2 Kultur im öffentlich-rechtlichen Rundfunk / Kommentar: Wer über lange Jahre regelmäßig das Kulturradio aus der Frankfurter Bertramstraße (Dornbusch) gehört hat und sich dabei über aktuelle Events, Veranstaltungen, Ausstellungen, Theater- und Musikpremieren, Literaturpreise und Podiumsdiskussionen u. a. informieren konnte, dürfte überrascht sein, dass der hr Hessische Rundfunk seit dem 2013 offenbar auf einen Teil der Frequenzen für dieses Programm verzichtet und sie lieber für andere Angebote nutzt.  (Der Beitrag wird fortgesetzt)./ Lesen Sie weiter auf >> radioeins.de  

radioeins.de, februar 2013 / „Ohne vorherige Ankündigung hat der Hessische Rundfunk die UKW-Verbreitung seines Kulturprogramms HR 2 am 11.02.2013 eingeschränkt. Um 14.04 Uhr wurde es auf den Sendern Sackpfeife bei Biedenkopf (99,6 MHz), Rimberg bei Bad Hersfeld (95,0 MHz) und Hardberg im Odenwald (95,3 MHz) abgeschaltet.

Seit dem 12.02.2013, 6.00 Uhr, übertragen die bisherigen Frequenzen von HR 2 an den Standorten Sackpfeife und Rimberg stattdessen das Programm HR Info. Über die betreffende Frequenz des Senders Hardberg läuft jetzt das HR-Jugendprogramm You FM. Dies gilt auch für die leistungsschwächere Frequenz 102,3 MHz auf dem Sender Sackpfeife, die bislang HR Info nutzte.

Auch nach dem Vollzug dieser Frequenzrochade sucht der HR offensichtlich, deren Kommunizierung auf ein Minimum zu beschränken. Eine Pressemitteilung zu diesem Thema ist nicht herausgegeben worden. Auch die Programme HR Info und You FM verzichten auf eine prominente Bewerbung der ihnen neu zugeteilten Frequenzen und blenden in ihre Programme nur kurze Hinweise an die Hörer von HR 2 ein. Auf dessen Internet-Startseite ist eine knappe Notiz plaziert.

Darin heißt es, man stimme „seine Frequenzen besser auf den Bedarf ab“. Durch die „Umwidmung“ von Frequenzen könnten „viele Hessen“ erstmals HR Info und You FM über UKW empfangen. Für „die meisten Hörer“ von HR 2 ändere sich nichts. „Bei Empfangsproblemen“ empfehle man „den Wechsel auf die Frequenzen 95,5 oder 96,7“ bzw., „sollte das in einigen wenigen Bereichen bedauerlicherweise nicht möglich sein“, andere Verbreitungswege.

Bei den genannten Frequenzen handelt es sich um die Ausstrahlung von HR 2 über die Sender Hoher Meißner im äußersten Nordosten von Hessen sowie Großer Feldberg im Taunus. Diese Sender versorgen primär den Norden von Hessen bzw. das Rhein-Main-Gebiet, wobei der Sender Hoher Meißner auch in erheblichem Ausmaß nach Thüringen und Niedersachsen einstrahlt.

Die vom HR gegebene Empfehlung läuft damit darauf hinaus, zum Empfang von HR 2 auch im zentralen Hessen (Raum Wetzlar, Marburg, Fulda) auf die Sender Großer Feldberg und Hoher Meißner zurückzugreifen. Wegen der topographischen Gegebenheiten, die für eine UKW-Versorgung ungünstig sind, ist dabei mit qualitativen Einschränkungen bis hin zum völligen Ausfall des Empfangs zu rechnen, insbesondere bei der mobilen Nutzung. Ähnliches gilt nach der Abschaltung der Hardberg-Frequenz auch im äußersten Süden von Hessen.

Von diesem Handstreich des HR völlig überrascht zeigt sich FFH in Bad Vilbel, mit drei UKW-Programmen der mit Abstand bedeutendste kommerzielle Hörfunkveranstalter in Hessen. In einer Pressemitteilung heißt es, „FFH protestiert scharf“ gegen die Verschiebung und „eine weitere Kommerzialisierung“ des HR-Hörfunks. Man fordere die hessische Staatskanzlei auf, einzuschreiten und den „einseitigen Schritt“ des HR zu prüfen, über den „offenbar“ auch die Landesmedienanstalt LPR nicht informiert gewesen sei. Bislang seien solche Veränderungen an einem „Runden Frequenz-Tisch“ abgestimmt worden.

Dies bezieht sich insbesondere auf Umschaltungen im Jahre 2005, die zwischen HR und LPR sowie dem Deutschlandradio vereinbart wurden. Seinerzeit entfiel die Ausstrahlung von HR 1 und HR 3 über den Sender Rimberg sowie die des FFH-Hauptprogramms über den ein ähnliches Gebiet versorgenden Sender Eisenberg. Die betreffenden Rimberg-Frequenzen 91,3 und 97,7 MHz gingen stattdessen an den Deutschlandfunk bzw. You FM, während FFH über den Sender Eisenberg auf 100,3 MHz seitdem sein Jugendprogramm Planet-Radio ausstrahlt.

Zum Ausgleich erhielten die drei betreffenden Programme Stadtfrequenzen in Bad Hersfeld. Diese Programme sowie auch HR 4, nicht jedoch HR 2, werden ansonsten auch über den Sender Heidelstein in der Rhön ausgestrahlt.

Der vom HR jetzt beschrittene Weg, eine erweiterte UKW-Verbreitung anderer Programme mit Einschränkungen bei der Versorgung eines Kulturprogramms zu erkaufen, ist in Deutschland bislang einmalig. Im europäischen Ausland findet sich ein Beispiel hierfür in Polen. 2007 hatte Polskie Radio zahlreiche leistungsstarke Frequenzen des Kulturprogramms Dwójka zu seinem ersten Programm Jedynka umgeschaltet.

Zu einer noch gravierenderen Entwicklung kam es in Dänemark, wo Danmarks Radio zum Jahresende 2010 die gesamte UKW-Kette seines Kulturprogramms P2 verlor. Dem ging eine intensive Lobbyarbeit voraus. Ein (inzwischen nicht mehr existierender) Branchendienst zitierte seinerzeit einen kommerziellen Veranstalter mit der Auffassung, die UKW-Verbreitung von P2 sei eine „Verschwendung von Frequenzressourcen“, da ein großer Teil von dessen Hörern über 50 Jahre alt sei und das Programm in der Altersgruppe 12-50 Jahre nur einen Marktanteil von 0,4 Prozent erreiche.

Auf der früheren UKW-Kette von P2 läuft jetzt das privatrechtlich betriebene Radio 24SYV, das mit einem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag versehen wurde und dafür Subventionen in Millionenhöhe erhält. SBS (eine Tochter von Pro 7 / Sat 1) als größter Betreiber kommerziellen Hörfunks in Dänemark monierte dies seinerzeit als Wettbewerbsverzerrung. Dänische Politiker erklärten ihrerseits, sie wollten ein „modernes Radio“ und keinen „elitären Kanal“.

Auf UKW verbreitet Danmarks Radio P2 und sein Informationsprogramm P1 seitdem in zeitpartigierter Form; auf der Frequenzkette von P1 läuft jetzt zwischen 18.00 und 6.00 Uhr (sonnabends bis 8.00, sonntags bis 9.54 Uhr) P2. Mit dem Wegfall der ganztägigen UKW-Verbreitung ist das Programm inhaltlich ausgedünnt worden. Seinen Niederschlag fand dies in einer Änderung des Namens in „P2 Klassisk“.

Beim Hessischen Rundfunk wiederum ist HR 2 erneut das einzige Programm, in dem klassische Musik einen Platz findet. Das 1998 (zunächst als „HR 2 Plus“) geschaffene HR Klassik war 2005 wieder eingestellt worden. Dieser Schritt war Teil eines Sparpakets im Volumen von 40 Mio. Euro.

Dem folgte 2009 ein nächstes Maßnahmepaket zur Einsparung weiterer 64 Mio. Euro. Zu ihm gehörte neben der Einstellung der Fremdsprachensendungen und der Abschaltung der Mittelwelle 594 kHz, durch die HR Info seine bis dahin flächendeckende terrestrische Verbreitung verlor, auch die Einstellung der auf HR 2 gesendeten Kindersendung, an deren Stelle eine Übernahme vom Deutschlandradio Kultur trat. Seinerzeit zitierte die „Frankfurter Rundschau“ angebliche Äußerungen, wonach „die Kinder ja jetzt den Kika gucken“ könnten.

Die „taz“ ihrerseits nannte die von einem angeblichen Insider geäußerte Meinung, angesichts vorhandener Rücklagen von 30 Mio. Euro wären Eingriffe in die Programmstruktur wenigstens für zwei Jahre vermeidbar gewesen. Die von der Intendanz angeführten Sparzwänge seien lediglich ein „Vorwand für einen weiteren Rechtsruck beim Sender respektive für dessen endgültige Boulevardisierung“.

Der damalige Medienjournalist Volker Lilientahl wiederum kommentierte seinerzeit gegenüber der NDR-Sendung „Zapp“, der HR sei bereits „ein in großen Teilen seines Programms entpolitisierter Sender“, der sich „selbst überflüssig“ mache.

(Autor: Kai Ludwig;
Stand vom 12.02.2013, spätere Entwicklungen sind nicht berücksichtigt)

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